Kunst im Korn

Ein Gespräch mit Rod Dickinson

von Markus Schröder

Die im Text gezeigten Skizzen entstanden während des Gesprächs zwischen Rod Dickinson und Markus Schröder auf einem Briefkuvert.

In der Absicht, die ersten Eindrücke mit Rod Dickinson in Frankfurt zu vertiefen (s. Artikel: Fälscher oder Künstler? - Eine Glaubensfrage. FGK Report, 3/99), nutzte ich einen Kurzurlaub in der englische Hauptstadt, mich einmal mit einem "Fälscher" zu unterhalten. Nach dem Austausch einiger e-mails was klar, dass sich die "Circlemaker" als Künstler verstehen. Die Ergebnisse waren etwas überraschend und hoch interessant.

An der U-Bahn Station begrüßte mich ein freundlicher Mann: Mitte 30, stämmig, kurze Haare, durchschnittliche Größe. Fälscher hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber wie sich schnell herausstellen sollte, würde sich Rod nicht als Fälscher bezeichnen -und erstaunlicherweise würden auch viele Forscher dies nicht tun. Rod ist von Beruf Künstler und arbeitet als Dekorateur und entwirft Kulissen für Film und Fernsehen, nebenbei ist er für das bekannte grenzwissenschaftliche Magazin Fortean Times aktiv. Er ist allerdings auch freischaffend als Künstler tätig und arbeitet viel mit natürlichen Materialien, so dass er sich sehr früh für Kornkreise interessiert hat. Von Anfang an war der künstlerische Aspekt für ihn entscheidend: Landschaftskunst, landart, interessierte ihn mehr als die Frage, woher die Kreise kommen.

Rods Weg zu den Kreisen ist interessant. Seit Ende der 80er Jahre ist er an den Kreisen interessiert und war im Sommer jedes Wochenende in Wiltshire. Zu Beginn war er ein Gläubiger, wie die meisten der anwesenden Forscher und Touristen. 1991 nahm er einen Arbeitskollegen mit, dessen Arbeitsbereich FX ist, also Spezialeffekte, die wie Zauberei oder für Menschen nicht machbar aussehen. Der Freund sah sich einige Formationen an und sagte, sie seien von Menschen gemacht. Gut, aber von Menschen. Rod als Gläubiger wollte das natürlich nicht wahrhaben und sein Freund sagte ihm, er wolle es beweisen. In der kommenden Nacht wolle er selbst eine Formation machen. Er nannte das Feld und das ungefähre Aussehen der Formation. Am nächsten Morgen war die Formation fertig und wurde von einigen herbeigeeilten "Forschern" sofort als echt identifiziert. Jeder Versuch, diese Profis davon zu überzeugen, dass die Formation von Menschen gemacht war, wurde von den Forschern als Wichtigtuerei abgetan. Nach diesem einschneidenden Erlebnis wechselte Rod quasi die Seiten. Er wurde ein Fälscher, oder besser ein Künstler.

Denn die Schwarz-Weiß-Malerei der Gläubigen hat zumindest zwei Grau-Schattierungen bekommen. In England wird nicht mehr einfach zwischen Forschern und Fälschern unterschieden. Die Szene und die Künstler kommen immer mehr zusammen. Selbst die Gläubigen machen Unterschiede zwischen Künstlern wie Rod Dickinson und Fälschern wie Doug Bower und Dave Chorley. Die von Menschen angelegten Kreise werden in landart und hoax unterteilt. Künstler wie Rod sehen die Formation im Mittelpunkt und wollen die Forscher nicht zum Narren halten. Das wird mittlerweile von vielen Forschern auch akzeptiert, allerdings noch nicht von allen, schon gar nicht den "wahren Forschern", wie sich die Gläubigen gerne bezeichnen. Den Künstlern stehen die Fälscher gegenüber, die aus niederen Motiven handeln. Sie wollen Forscher ärgern oder einfach nur beweisen, dass sie selbst auch Kreise anlegen können, als ob dies die Echtheit anderer Formationen anzweifeln könnte. Eine weitere Gruppe in dieser Kategorie sind "lustige" Touristen, die als Trittbrettfahrer fungieren und recht krude Kreise ins Feld stümpern.

Die Zahl der Kreise, die von den Künstlern gelegt wird, variiert von Jahr zu Jahr. Rod hat als Rekord 1993 insgesamt 25 Kreise angelegt, von denen die meisten im klassischen Kornkreisgebiet lagen, allerdings auch in anderen südenglischen Grafschaften. Die anderen Jahre waren es weniger Kreise und mit der letzten Saison hat sich Rod ganz aus der Szene zurückgezogen. Insgesamt sind seiner Kenntnis nach nicht mehr als sechs Gruppen als Kreismacher tätig. Rods Gruppe, die Circlemaker, bestand zuerst aus zwei Personen, doch waren immer mehr Leute an der Mitarbeit interessiert, so dass die Gruppe auf ein Dutzend Personen anwuchs. Für eine Formation sind bis zu neun Personen im Feld, normalerweise aber vier bis fünf. Jeder Künstler hat eine bestimmte Aufgabe und es kann passieren, dass jemand eine Stunde wartet, weil er nur für Grapeshots oder die kleinen Kreise an Julia-Sets zuständig ist und den Rest der Formation erst einmal abwarten muss. Jede Formation wird generalstabsmäßig geplant.

Jeder Teilnehmer hat einen exakten Plan, auf dem Wege und Arbeitsgänge genau angegeben sind. Schwierige Details werden vorab "trocken" geprobt. Die Arbeitsmittel sind einfach: Holzlatten oder Alulatten, die sogenannten stomper, mit denen das Korn so niedergedrückt werden kann, dass es nur gebogen und nicht gebrochen wird, und Metallmaßbänder, die sich nicht verziehen oder dehnen können. Holzpflöcke zur Markierung und eventuell ein Kompass zur Orientierung runden das Bild ab. Mehr ist nicht nötig. Die berüchtigten Rasenwalzen, die garden roller, sind zu unhandlich, um in einem Feld benutzt werden zu können.

Die Künstler stehen im Gegensatz zu den Fälschern zu ihrem Tun, können es aber nicht öffentlich machen, da es offiziell immer noch strafbar ist. Vieles in diesem Hin und Her zwischen Behörden, Landwirten und Kreismachern ist Getue für die Galerie. Die Tourismusbranche boomt. Sowohl die Tourismusbehörden wie auch regionale Verbände arbeiten mittlerweile in ihren Jahresbilanzen mit den erwarteten Einnahmen aus der Kornkreisszene. Die jährlichen Einnahmen durch Touristen, die nur wegen der Kreise kommen oder deshalb länger bleiben gehen in die zweistelligen Millionenbeträge. Hotels, Restaurants, Freizeitparks, Andenkenläden, Supermärkte, Buchhandlungen etc., etc.; alle profitieren von diesem Geschäft. Die höchsten Einnahmen, von denen Rod Kenntnis hat, hat ein Bauer in der letzten Saison erzielt. Sein Feld lag an einer viel befahrenen Hauptstraße. Hinweisschilder zum Parkplatz (gebührenpflichtig), zum Hochsitz (gebührenpflichtig) und zum Andenkenstand (alle Artikel fast zum Selbstkostenpreis) sorgten für Einnahmen von fast 40.000 Pfund, die der Landwirt seinen Angaben nach sogar versteuert hat. Selbst der Staat profitiert also von den Kornkreisen. Angedrohte Strafverfolgungen wegen Landfriedensbruch oder Vandalismus sind reine Show.

Auch wenn die Landwirte alleine durch Parkplatzgebühren bei einer guten Formation gut 10.000 Pfund kassieren können, ist das Gerücht nicht wahr, dass die Künstler für Formationen von Landwirten Geld bekommen. Dies passiert nur, wenn es sich um kommerzielle Aufträge aus der Industrie handelt, wie etwa bei der Mitsubishi-Werbung, die im Herbst 1999 im deutschen Fernsehen lief (übrigens bislang nicht in England). Es gibt Landwirte, die mit den Künstlern bekannt sind und von dem Tun wissen, aber trotzdem Gläubige geblieben sind. Rod nannte hier die Familie Carson, der das East Field gehört, in dem er viel arbeitet.

Die Fälscher und die Künstler haben keine Angst, entdeckt zu werden. Es braucht einige Zeit, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, Menschen in Autos sind also völlig ungefährlich, weil sie nur die Straße sehen können. Selbst Wachtposten, die ein Feld beobachten, sind selten in der Lage, überhaupt etwas zu bemerken, geschweige denn, die Geräusche - zu sehen gibt es eigentlich nie etwas - richtig zuzuordnen. Es soll aber schon die eine oder andere Begegnung der dritten Art gegeben haben, wenn Fälscher oder Künstler kurzfristig zu Taschenlampen greifen mussten und so unerklärliche Lichtpunkte in oder über Feldern gesichtet wurden, in denen dann am folgenden Tag mirakulöserweise Formationen entdeckt wurden...

Rod wusste noch einige Anekdoten über Fälscher und Gläubige zu erzählen, so dass der Abend in der Londoner Nudel-Bar sehr schnell vorüber ging. Obwohl Rod keine Formationen mehr legen will, weil er meint, nach seinen dreidimensional wirkenden Formationen keine neuen künstlerischen Aspekte einbringen zu können, ist er weiterhin an den Kreisen und der Szene interessiert (unter rod@circlemakers.com ist er im Internet zu erreichen).

Eine abschließende Anekdote war ganz erstaunlich und zeigt, wie schnell Vorurteile gebildet werden können: In der ersten Hälfte der 90er Jahre stand die FGK in England unter dringendem Fälscher-Verdacht. Der Grund: FGK-Mitglieder wurden im Bärge Inn bei einer Unterhaltung mit Adrian Dexter und Jim Schnabel gesehen, die als bekannteste Fälscher gelten. Alleine schon die Bereitschaft zur Kommunikation gilt den "wahren Forschern" als Beweis für lasterhaftes Tun. Hier sachlich zu argumentieren ist wohl zwecklos, doch die letzten Jahre haben Rods Meinung nach gezeigt, dass ein Umdenken einsetzt, von dem Forscher und Künstler gleichermaßen profitieren können. Denn in einem wichtigen Punkt sind sich beide Seiten einig: Kornkreisen wirken positiv auf die Stimmung und den Geist und regen zum Nachdenken an.

Ich bin gespannt auf die nächste Saison, halte die Augen auf nach Identifikationsmerkmalen in Künstler-Kreisen (jede Gruppe hinterlässt ihr Markenzeichen) und einer Erklärung für Nicht-Künstler-Kreise.


[aus FGK-Report 1/2000]