Wahrscheinlich

von Klaus Joachim Weisser

Klaus-Joachim Weisser stellt grundlegende Überlegungen zur Kornkreisforschung auf Basis der Wahrscheinlichkeit an. Aus seinen Ausführungen könnten sich neue Vorgehensweisen für die Forscher ableiten lassen.

Kornformationen bewegen seit Jahren die interessierte Gemeinde, ohne daß eine alles abdeckende, sichere Antwort auf die Frage nach deren Ursache gefunden worden wäre. Wo Sicherheit fehlt, empfiehlt sich zur Standortbestimmung das Arbeiten mit der Wahrscheinlichkeit, die man für das Eintreffen eines Ereignisses oder das Zutreffen einer Hypothese errechnet oder - wo dies nicht möglich ist - schätzt.

Es soll hier nicht auf die Grundlagen der statistischen Wahrscheinlichkeitsrechnung eingegangen werden. Für unseren Zweck nur so viel: Die Wahrscheinlichkeit P wird mit einer Maßzahl zwischen P=1 (=Sicherheit) und P=0 (= mit Sicherheit nicht zutreffend) angegeben. Wir kennen z.B. Wahrscheinlichkeitsabschätzungen für das Eintreffen von Wetterprognosen, der Entwicklung von Börsenkursen usw. (gelegentlich auch Prozentwert angegeben!).

Um dies für den Sachverhalt der Kornformationen deutlich zu machen, seien folgende persönlichen Schätzwerte genannt:
l. Entstehen von Kornformationen auch im Jahre 1999 -> P = 1,0 (100%)
2. Hoaxer als Verursacher bisheriger Kornformationen -> P > 0,5 (50%)
3. Ursache der KF ist eine Anomalie der geltenden physikalischen Gesetze -> P = 0 (0%)

Zu l.) Die bisherige Entwicklung des Phänomens erlaubt eine Trendextrapolation, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Aussage zuläßt, daß auch 1999 Kornformationen entdeckt werden.

Zu 2.) Es kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, daß mindestens 5 von 10 Kornformationen ( P > 5/10 > 0,5) von Hoaxem angelegt wurden.

Zu 3.} Es kann nach bisheriger Erfahrung der Menschheit davon ausgegangen werden, daß auch im Zusammenhang mit KF die Naturgesetze und Naturkonstanten Geltung behalten. Dies schließt nicht aus, daß zusätzlich Energien oder Einflüsse, die uns noch unbekannt sind, wirken können. Deren Wirkung wird aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht im Widerspruch zu den geltenden Naturgesetzen stehen.

Auf der Grundlage des oben Gesagten lassen sich nun folgende Wahrscheinlichkeitsabschätzungen zu den gängigen Thesen über den Hintergrund von Kornformationen vornehmen:

These A: Naturkräfte
Betrachten wir zunächst die These, bei den Kornformationen handle es sich um die Folge natürlicher Gegebenheiten: Windkräfte, Tiere, Mikroorganismen, geologische oder geomantische Anomalien usw. Wegen der hohen Varianz von Ort, Erscheinungsbild und zeitlicher Entwicklung der Kornformationen (intelligente Formenvarianz) kann man diese These heute jedoch getrost verwerfen. Ihre Wahrscheinlichkeit wird auf P<0,01 geschätzt.

These B: Unbekannte Intelligenz
Die Formenvarianz der Kornformationen läßt in der weit überwiegenden Zahl auf eine intelligente Ursache schließen. Da von mir der Hoaxeranteil schon auf mehr als 50% geschätzt wird, es im übrigen nahezu keine Kornformation gibt, die nicht auf einen intelligenten (bewußten), jenseits rein chaotischer Prozesse liegenden Einfluß schließen läßt, schätze ich die Wahrscheinlichkeit für eine intelligente Ursache der Kornformationen auf P>0,9 ein.

These C: Symbolnachrichten
Wenn man von einer hohen Wahrscheinlichkeit für eine intelligente bzw. bewußte Ursache ausgeht, stellt sich die Frage, ob es sich nur um ästhetische Zielsetzungen ("Landschaftskunst") handelt, oder ob auch verschlüsselte Informationen in Form einer gewissen Symbolik vermittelt werden sollen. Die Wahrscheinlichkeit für eine in den Kornformationen enthaltene Symbolik ist sehr hoch, schon allein deshalb, weil die Hoaxer nachweislich versuchen, Ihren "Werken" durch Symbolik eine höhere "Echtheit" zu verschaffen. Da dies nicht immer überzeugend geschieht, wird hierfür P>0,95 geschätzt.

These D: Zahlencodierte Nachrichten
Informationen könnten in Kornformationen auch codiert, also z.B. als Zahlencodes, in den Abmessungen enthalten sein. Ein Getreidefeld (ebenso Raps, Reis usw.) ist jedoch bei hohem Genauigkeitsanspruch als Zeichenmedium ungeeignet. Ich halte es für nahezu unmöglich, daß es einem "versierten Zeichner" gelingen könnte, eine Kornformation so in ein Feld zu bringen, daß ein sorgfältig arbeitender "Vermesser" schließlich die identischen Maße auf Dezimeter genau auf seinem Meßblatt stehen haben wird, wie sie vom Zeichner geplant wurden. Saatabstand, Zeichenungenauigkeiten und unvermeidbare Meßfehler schließen eine auf dm-genaue 1:1 Umsetzung über eine Kornformation nahezu aus (Voraussetzung für eine 1:1 Umsetzung: Zeichenungenauigkeit + Meßfehler < 5 cm!). Wer sich je mit Theorie und Praxis des Messens auseinandergesetzt hat, wird dem zustimmen. Die Wahrscheinlichkeit für Zahlencodes in den Maßzahlen von Kornformationen schätze ich auf P <0,l!

These E: Kein Menschenwerk
Kornformationen sind bei entsprechendem Training, guter Vorbereitung und zweckmäßiger Ausrüstung von Menschen in allen bekannten Varianten herstellbar (s.a. Erfahrungen aus "RE-Union"). Es scheint bislang keine Formation zu geben, die nicht auch hätte von Menschen gefertigt werden können. Die Tatsache, daß Größe bzw. Ausmaße mancher Kornformation das zu übersteigen scheinen, was Hoaxer-Gruppierungen in einer Nacht zu leisten in der Lage sind, ist nur scheinbar ein Argument für "Echtheit". Tatsächlich ist dieses Kriterium - wie andere auch - für Hoaxer gerade Anreiz, durch entsprechende Anstrengungen etwas zu schaffen, das die Betrachter von der angeblichen "überirdischen" Herkunft überzeugen kann, womit das eigentliche Hoaxerbestreben seine Erfüllung findet. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine der bisher bekannten Kornformationen nicht auch von Menschen hätte hergestellt werden können, schätze ich auf P<0,01 ein.

These F: Das Unbekannte beansprucht Anonymität
Hoaxer haben bislang keine Mühen gescheut, den Eindruck zu vermitteln, daß die von ihnen angelegten Komformationen "nichtmenschlicher" Herkunft seien. Sie haben keinen Aufwand gescheut, um sich die Genugtuung zu verschaffen, auch kritische Menschen hereingelegt zu haben. Selbst "getrickste" Videoaufnahmen wurden zu diesem Zweck hergestellt und in Umlauf gebracht. Hoaxer werden es immer vermeiden, sich bei ihrem Tun beobachten zu lassen (P=1). Unterstellt, es gäbe neben den Hoaxern eine unbekannte intelligente Ursache für Kornformationen, dann müßten dieser folgende Eigenschaften zugebilligt werden:

Dann aber wüßte diese unbekannte Intelligenz auch, daß Hoaxer sich mit ihr im Wettbewerb befinden. Und wenn diese Intelligenz uns "Menschlingen" etwas mitzuteilen hätte, was ihr den Aufwand wert ist, dann würde - und müßte - sie bei ihren Fähigkeiten auch den kleinen Schritt noch tun, der sie von den Hoaxem abhebt: Sie würde ihre Botschaft z.B. vor Zeugen in ein Feld schreiben oder sich einer technologischen Variante bedienen, derer die Hoaxer nicht mächtig sind. Wenn man einer unbekannten Intelligenz schon unterstellt, uns mit Symbolen oder Zahlencodes ansprechen zu wollen, dann müßte man von ihr auch diesen ihre Absicht absichernden Schritt mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarten (P>0,9). Da ein derartiges Unterscheidungsmerkmal bislang noch nicht registriert wurde, ist die Wahrscheinlichkeit für eine nicht-menschliche intelligente Urheberschaft dementsprechend gering (P<0,1).

These G: Spirituelle Zielsetzung
Bleibt noch die Ansicht zu betrachten, Kornformationen entstünden durch das Wirken einer Energie mit dem Ziel, uns zu neuer Spiritualität zu führen. Hoaxer werden ggf. noch als "inspirierte" Erfüllungsgehilfen dieser Energie betrachtet. Und wenn man die Entwicklung der Formationen verfolgt, dann hätte sich diese Energie gar moderner Marketingstrategien bedient, indem sie das "Produkt" stetig attraktiver gestaltet hat, beginnend mit einfachen Kreisen bis hin zu komplizierten symbolträchtigen Formationen im Land der Angeln.
Um dem Menschen die Genialität göttlichen Wirkens vor Augen zu führen, wären Formationen in "industriell" angelegten und gepflegten Kornfeldern denkbar ungeeignet im Vergleich zur Formen- und Farbenvielfalt der "real existierenden" Natur. Jede natürlich gewachsene Blumenwiese im Frühling, der Wellenschlag am Meeresufer oder das Flüstern des Windes in einem Baumwipfel regen mehr zu Spiritualität an als das genialste Hoaxer-Machwerk. Die Wahrscheinlichkeit, daß hier zweckgerichtetes spirituelles Wirken die Ursache sei, halte ich für höchst gering (P<0,01), was natürlich nicht ausschließt, daß sich manch einer in einer Kornformation spirituell inspiriert fühlt.


Was bleibt?
Sicher ist, daß die Hoaxer durch geschicktes Verhalten ein breites Publikum gefunden haben, das ihre Machwerke teils spirituell, teils wissenschaftlich, teils auch nur "distanziert amüsiert" betrachtet, dokumentiert, erforscht und z.T. auch kommerziell nutzt.

Die bisherige "Kornkreisforschung" war überwiegend darauf gerichtet, vermeintliche Unterscheidungskriterien zwischen "echten bzw. unechten" Kornformationen zu entdecken, ohne auch nur die geringste Gewißheit zu haben, daß es tatsächlich "echte" Kornformationen gibt. Die Wahrscheinlichkeit für die Existenz "echter" Kornformationen ist jedoch äußerst gering.

Der Schwerpunkt der Ermittlungen müßte deshalb darauf gerichtet sein, zweifelsfrei das Entstehen von "echten" Kornformationen zu belegen, um damit einerseits zu erfahren, ob das eigentliche Forschungsziel überhaupt existiert, und andererseits für die dann berechtigte Forschung eine Referenz-Kornformation zu haben. Dabei würden sich die Interessen der Forscher mit denen eines möglichen Verursachers treffen, dem das verwerfliche Verhalten der Hoaxer auch langsam gegen den Strich (=Halmfluß) gehen müßte.


[aus FGK-Report 1/1999]