Wettstreit im Korn

Ein Reisebericht und persönliche Betrachtungen zu England 1999

von Harald Hoos

[Alle Fotos: © Harald Hoos]

Kornkreise als Landart zu sehen wird in Forscherkreisen oft als Provokation angesehen. Doch neben unbeweisbaren Ursprungstheorien sollte diese Betrachtungsweise auch bestand haben. Der nachfolgende Artikel beleuchtet diesen aspekt der Kornkreise in Form eines Reiseberichts.

 

Formation am Hillfort Barbury Castle -
diese Perspektive verdeutlicht den Einklang
zwischen der Landschaft und den Kornkreisen

Seit Ende März schweiften meine Blicke immer wieder über die langsam heranreifenden Felder. Das Kribbeln und die Spannung war wieder da: welche Abbildungen erwarten uns dieses Jahr in den Feldern Englands, Deutschlands und anderswo?

Doch seit diesem Jahr gilt die harte Devise: wer phantastische Kornkreise sehen will, muß zahlen! Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf die inzwischen üblichen Eintrittspreise in südenglische Kornfelder, sondern schon der Weg nach England ist teuer geworden. Geschickte Fusionen der Kanalfährunternehmen, gestützt durch die monopolbegünstigende Europapolitik, haben jedem Kornkreisenthusiasten 400% (in Worten: viehundert Prozent) mehr Deutschmark aus dem Geldbeutel gezogen für eine Überfahrt auf die Insel.

Doch weder hohe Fährpreise, noch der Wechselkurs des Pfundes hält einen richtigen Croppie davon ab, auch dieses Jahr wieder in das Kreisland Wiltshire zu reisen. Die Faszination ist eben einfach zu groß!

Heimatliche Gefühle

Inzwischen kann die Landkarte der Region zwischen Dover und Marlborough im Kofferraum bleiben, die Fahrtroute ist bekannt und wenn auf der M4 die Ausfahrt Swindon/Marlborough erreicht ist, dann kommen heimatliche Gefühle auf. Im Laufe der letzten sieben Jahren habe ich bei 16 Reisen viele Monate in der Region verbracht. Kreisverkehre, Linksverkehr und schmale Single-Track-Roads sind zur Selbstverständlichkeit geworden - England und die Mentalität der Engländer zur Sehnsucht.

Wir kamen dieses Mal spät in der Nacht an - wir waren zu viert in zwei Campingbussen unterwegs, und unser Weg führte uns direkt zum Knap Hill Car Park, direkt über dem berühmten East-Field, um dort die Nacht zu verbringen.

Schon bei der ersten Rundfahrt am nächsten Morgen fanden wir spontan mehr als ein halbes Dutzend Formationen. Dieses Jahr war die Konzentration der Kornformationen in der Region um Avebury - Alton Barnes - Marlborough sehr groß!

Sightseeing

Wir wußten, daß bei dem Hillfort Barbury Castle eine beeindruckende Formation zu finden sei. Daher erkundeten wir die Region, und fanden das in einem gut überblickbaren Feld zum Fuße von Barbury Castle liegende Kunstwerk. Es war wieder ein erhebender Augenblick, als hinter den sanften Hügeln des Ringwalls allmählich die ersten Fragmente des Gebildes sichtbar wurden: drei kunstvoll ineinander verschlungene Halbmonde in einem großen Ring liegend. Das Feld war sonnenbestrahlt. Nach den ersten Fotos führte uns der Weg durch die Traktorspuren mitten in die Formation. Das Kornkreisfieber hatte uns alle wieder gepackt! Aus dem plattgelegten Korn heraus war zu beobachten, wie sich verschiedene Leute auf dem Hügel für die Formation interessierten, im Korn selbst war auch ein reges Kommen und Gehen.

Nach ca. einer halben Stunde meldeten sich erste Symptome körperlichen Unwohlseins: Kopfschmerzen! Aber schlicht die pralle Sonneneinstrahlung und Hitze waren wohl die Ursache.

In den darauffolgenden Tagen klapperten wir nach und nach mehrere Formationen ab. Fast alle Kornkreise lagen auch dieses Jahr wieder an gut einsehbaren Orten, oft auch Orte, die einen direkten Bezug zu prähistorischen Stätten haben. So auch in Avebury. Am Waden Hill, einem Hügel am Rande des Steinkreises von Avebury, lag eine vom Boden aus unscheinbar wirkende Formation. Wir wußten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß sich bei der Betrachtung aus der Luft eine optische Täuschung, ein dreidimensionales Gebilde mehrerer ineinandergeschachtelter Würfel im Feld abzeichnet. Im Schatten der Merlins Eiche machten wir es uns gemütlich, beobachteten das Treiben in der gegenüberliegenden Formation und lauschten den Gesprächen der Passanten, die oft unvermittelt als unbescholtene Avebury-Touristen mit dem umgelegten Korn konfrontiert wurden. Derweilen braute sich im Steinkreis von Avebury ein anderes Spektakel zusammen. Druiden sammelten sich, um einen Ritual zu celebrieren. Wir verstanden nicht den tieferen Sinn - doch es war beeindruckend.

     

Stimmungen in Avebury. Oben: Zeremonie der Druiden im Steinkreis von Avebury. Unten: Blick auf die Formation am waden Hill.


Beeindruckend war auch die Formation, die in einem amphitheaterähnlichen Talkessel vor dem White Horse in Cherhill lag. Es zeigte sich hier wieder, daß wohl keine Landschaft als Leinwand für die Kunst im Korn mehr geeignet ist, als die sanfte Hügellandschaft Wiltshires mit all ihren individuellen Begebenheiten wie z.B. die White Horses, Hillforts, prähistorischen Stätten usw.

Gerade dieser majestätische Blick machte es unfaßbar, daß immer wieder Kornkreisinteressierte kreuz und quer durch das Feld trampeln, um das umgelegte Korn zu erreichen. Im Fall der Cherhill-Formation sind mehrere Personen quer durch zwei (!) Felder marschiert. Paradox ist, daß gut begehbare Fußwege zum Feld und die Traktorspuren ohne Umweg zum Ziel führten. Auch andere Formationen zeigten wieder Spuren der Verwüstung.

Zerstörungen durch
Kornkreisbesucher

Der Höhepunkt des Sightseeings war für mich der Rundflug im Ultra-Leicht-Flugzeug. Eine Stunde dauerte die Rundreise mit dem fliegenden Rasenmäher. Als ich mich für die ersten Fotos aus dem Flieger lehnte, war die Situation erst mal gewöhnungsbdürftig. Ideal zum Fotofrafieren, keine störenden Scheiben oder Flugzeugteile und auch die recht geringe Reisegeschwindigkeit ließ es zu, die Formationen in aller Ruhe ablichten zu können. Ein Blick auf den Höhenmesser sagte mir, daß eigentlich beim nächsten Foto Schlecht-werden angesagt sein müßte, aber die Faszination und das einmalige Flugerlebnis ließ mir keine Zeit, mich um meinen Mageninhalt zu kümmern.

Bend but not broken

Natürlich durften die allabendliche Pub-Besuche im Barge Inn nicht fehlen. Der Croppies-Campingplatz hinter dem Pub war voll, hitzige Diskussionen um die neuesten Ereignisse lagen in der Luft. Viele alte Bekannte waren vor Ort, einige verbrachten bereits viele Wochen in der Region. Doch nach den ersten Gesprächen und bei genauerem Hinhören durchzuckte mich der Gedanke: Es darf doch nicht wahr sein! Eigentlich war es so, wie es immer war, so wie es schon seit Jahren war. Aber das ist genau der Punkt. An den Tischen wurde nach wie vor unentwegt versucht, zwischen echt und falsch zu unterscheiden. Dabei wurden hemmungslos alle Indizien herangezogen, von denen seit langem bekannt ist, daß es eigentlich keine sind. Kommt ein Neuling in die Szene, wird ihm wohlwollend erklärt, daß ein Kreis wohl echt sei, wenn die Halme knapp über der Erde gebogen und nicht gebrochen sind, sich die Halmknoten verdicken und das Korn wieder in die Vertikale strebt. Dies ist nur ein Beispiel eines Echtheitsindizes, das inzwischen fast so oft wiederlegt wurde wie es immer wieder zur Idendifikation einer echten Formation herhalten muß.

FGK-Treffen im
Barge Inn

Aber nichtsdestotrotz: Die Atmosphäre im Barge Inn war und ist immer noch beeindruckend. Viele Croppies dokumentierten auch dieses Jahr wieder akribisch jede neue Formation, im Billardraum des Barge wurden alle Informationen in Form von Karten, Zeichnungen und Fotos zur Verfügung gestellt. Jeder orientierungslose Kornkreistourist findet hier schnell den Weg zu den Attraktionen.

Und auch der Landlord des Barge Inn hat im Laufe der letzten Jahre viel getan: Die Ereignisse des Sommers haben ihm soviel Einnahmen beschert, daß er seine Kneipe von Grund auf renoviert hat.

Beurteilung der Formationen 1999

Ich weiß, daß ich mich jetzt gleich wieder um Kopf und Kragen rede. Doch ich tue es! Nach fünf Tagen Kornkreise in Wiltshire bestätigte sich erneut meine Auffassung: Hier sind Künstler, professionelle Künstler am Werk! Mir scheint es, unter den Kornkreismachern ist seit einigen Jahren ein Wettbewerb ausgebrochen, bei dem es primär darum geht, wer die technisch perfekteste und die künstlerisch wertvollste Formation produziert. Es sind auch bestimmte Handschriften zu erkennen. Fraktale faszinieren uns seit 1996, Escher-Cubes, und damit verbunden optische Täuschungen bzw. dreidimensional wirkende Gebilde, waren dieses Jahr der Renner. Nicht mehr der einfache Kreis oder die symbolträchtige Anordnung von Kreisen, Pfaden und Ringen versetzen den Beobachter in Staunen, nein, umgelegtes Korn in komplexen geometrischen Strukturen rufen ein Ohh und Ahh beim Betrachter hervor.

Eigentlich ein wenig schade! Hatten die einfachen, nicht so perfekten Formationen doch mehr Freiraum für Interpretationen und somit der Hoffnung nach einem Phänomen, das durch eine uns unbekannte Kraft entsteht, immer wieder Nahrung gegeben. Dies erhärtet auch wieder meine Theorie darüber, sollte es Kreise geben, die nichtmenschlichen Ursprungs sind, findet man diese wohl nur in einfachen Kreisen und in ungeometrischen Kreisanordnungen, wahrscheinlich auch weit ab von touristischen Attraktionen, irgendwo mitten in der Landschaft. Dies könnten Kreise sein, denen heute niemand mehr aufgrund ihrer Schlichtheit Aufmerksamkeit schenkt.

Für mich gleicht eine Rundfahrt durch die Umgebung von Avebury einem Gang durch eine riesige Freiluftgalerie.

Spuren in den Spuren

Seit es komplexe Formationen gibt, werden sogenannte underlaying footpaths - Konstruktionslinien in den Kreisen - untersucht. Diese werden untersucht, aber auch zugleich geflissentlich ignoriert. Fast jede der herausragenden Formationen dieser Saison weist solche Konstruktionslinien auf. Bei vielen Luftaufnahmen lassen sich diese Pfade erkennen, und untersucht man bei der Begehung die einzelnen Halmlagerung an bestimmten, für die Konstruktion der Formation relevanten Punkte, kann man ohne Mühe fußbreite Halmumlegungen erkennen.

     

Die Tiere tun es den Menschen gleich (oder umgekehrt?):
links: Meditation in einem Kornkreis an der Stone Avenue - rechts: zeitgleiche Kuhmeditation an einem Stein in der Stone Avenue

Wildgewordene Bauern

Die meisten Bauern haben es inzwischen begriffen: Die Kornkreise gehören zu der Landschaft und jeder, der in der Region Kornfelder sein Eigen nennt, ist latent gefährdet. Viele Landwirte kassieren mittlerweile Eintritt; solange der Preis für eine Begehung nicht 1 Pfund überschreitet ist das vollkommen akzeptabel. Einige vertrauen den Kornkreistouristen soweit, daß sie am Feldrand nur noch eine Kasse aufstellen und um eine Spende bitten.

Doch es gab auch andere Reaktionen - leider. Als in der ersten Augustwoche bei Devizes wohl die Formation des Jahres erschien, drehte der Bauer durch: Das Basket, eine Kornformation mit komplexesten Halmlagerungen und -verflechtungen, die an einen geflochtenen Korb erinnerte, war nur wenige Studen alt, als der Wildgewordene mit seinem Mähdrescher ins Feld fuhr, dabei eine breite Schneise hinterließ, den Kreis aus dem Feld rasierte und wieder verschwand. Er erlaubte keiner Person, sein Feld zu betreten, obwohl ihm bis zu 100 Pfund Wegzoll geboten wurden. Durch sein Handeln verursachte sich der Bauer selbst den größten Schaden! Hätte er sich auf die Begebenheiten eingelassen, hätte er durchaus noch Gewinn daraus ziehen können. Umso erstaunlicher ist es, daß es tatsächlich zwei Personen gelang, kurzfristig einen Flug zu chartern und das technisch perfekte Gebilde fotografisch für die Nachwelt zu erhalten.

Formation am Vherhill White Horse

Schlußwort

Sie werden sich sicher jetzt fragen, warum treibt es mich immer noch jedes Jahr zu den Kornkreisen, warum bin ich Kornkreisforscher, wenn ich nicht von einem mystischen und paranormalen Ursprung des Phänomens überzeugt bin. Es gibt viele Gründe dafür.

Der wichtigste ist wohl, daß sich meine oben gemachten Ausführungen ja auch letztendlich nur auf einen Teil, wenn auch recht großen Teil, der zu beobachtenden Kornkreise bezieht. Beim 1001. Kreis könnte es ja anders sein.

Dazu kommt eine grenzenlose Faszination, die die Gesamtheit des Phänomens mit all seinen Beteiligten auf micht ausübt. Wir haben es mit einem Gefüge verschiendenster Personengruppen zu tun, die sich in solch perfekter Weise ergänzen, daß daraus für mich eines der faszinierensten Phänomene unserer Zeit entsteht. Ein Gefüge, das sich seit mehr als 20 Jahren aufgebaut hat und es inzwischen zu einer nicht zu unterschätzenden Stabilität gebracht hat. Fälscher, Forscher, Beobachter, Medien, Landschaft und vielleicht eine uns unbekannte Kraft sind eine Symbiose eingegangen, die sie aneinanderkettet, ohne daß dies die einzelnen Beteiligten in der Regel wahrnehmen.

Und so wird es auch sein, daß nächstes Jahr mit dem Heranreifen der Felder wieder dieses Kribbeln, die Spannung und der Drang nach England zu fahren heraufzieht ...


[aus FGK-Report 2/1999]