Kornkreise von Menschen - wie soll denn das gehen?

von Ulrike Kutzer



Wenn die Vermutung geäußert wird, daß komplexe
Kornformationen Menschenwerk sein könnten,
wird zu oft das Argument, daß Menschen nicht
in der Lage seien, bei Nacht und Dunkelheit solch
komplexe Formen anzulegen, gebraucht, um diese
Vermutung zu entkräften.
Frau Kutzer analysiert in ihrem Artikel die Möglichkeiten
der Hoaxer und zieht daraus Schlüsse.



Hat man sich erst einmal mit der Tatsache abgefunden und arrangiert, daß die meisten Kornkreise von Menschenhand und -fuß ins sommerliche Getreide eingebracht werden - und diese Tatsache bestreitet heute kein ernstzunehmender Kornkreisforscher mehr - dann tut sich eine ganz neue und in mancherlei Hinsicht nicht weniger faszinierende Dimension des Phänomens auf.
Die ersten beiden Fragen, die sich unmittelbar ergeben, sind die Fragen nach dem "Warum" und dem "Wie" der Fälscher.
Während die Frage nach der Motivation sehr vielschichtig und komplex ist und sich oft nur aus dem individuellen Background der jeweiligen Macher erfassen läßt, ergeben sich bei der Beantwortung des "Wie" ganz konkrete technische und handwerkliche Erklärungsansätze.

Eine häufig gestellte Frage ist die nach der Zeit. Viele Interessierte halten die Nachtstunden in den Sommermonaten für zu kurz, als daß sich solche Muster, wie das Julia-Set oder die Dreiarmige Spirale des Jahres 96, die sicherlich das Komplizierteste darstellen, das uns bisher geboten wurde, in der zur Verfügung stehenden Zeit erstellen ließen.

Geht man einmal davon aus, daß es auch im Sommer ab 23 Uhr zu dunkel ist, um Menschen freien Auges in den Feldern erkennen zu können, dann haben Hoaxer 5-6 Stunden Zeit für ihre mehr oder weniger komplizierten Werke. Eine Kuriosität besonderer Art stellte beispielsweise 1994 die Herstellung des "Spider' s Web" in unmittelbarer Nachbarschaft der prähistorischen Anlage von Avebury in England dar. Die menschlichen Macher brauchten dafür 2 Nächte. In der ersten Nacht wurden die Grobstrukturen festgelegt, die bereits eindrucksvoll und ästhetisch genug waren, und in der zweiten Nacht schuf man das Netz. Dies war eine Dreistigkeit, mit der kein "Hoaxerjäger" gerechnet hatte. Dementsprechend unbeobachtet und ungestört blieben die Macher.

Doch zurück zu den Mustern des Jahres 96:

Als Macher der beiden beeindruckendsten Fraktal-Formationen, "Julia-Set" und "Dreiarmige Spirale", werden die sogenannten "Wessex Sceptics" gehandelt, die schon in den Vorjahren als geschickte Kreismacher in Erscheinung traten. Sie erwiesen sich sowohl in Theorie als auch praktischer Umsetzung als äußerst geschickt. Eines ihrer Mitglieder, Dr. Robin Alan, Dozent für Mathematik in Southampton, trat in der Vergangenheit durch verschiedene Interviews an die Öffentlichkeit, die in etwa die Motivation der Gruppe erhellen. Demnach geht es den "Wessex Sceptics" mehr oder weniger um die praktische Umsetzung technisch-mathematischer Möglichkeiten.

Bei "Julia-Set" und "Dreiarmiger Spirale" wissen wir, daß die jeweiligen "Spiralbahnen" als Orientierungs- und Hilfslinien zuerst getreten wurden. Solche Spuren sind in Kornkreis-Fachkreisen als sogenannte "underlying footpathes" seit langem bekannt. Sie werden ganz einfach mit den Füßen getreten, während der Tretende an einem Seil, entsprechend dem zu erstellenden Muster geführt wird.

Hat man erst einmal diese Hilfslinien getrampelt und damit die Grobstruktur aller Spiralarme geschaffen, dann besteht die Herstellung des eigentlichen Musters "nur" noch aus der Aneinanderreihung von Kreisen.

Setzt man geübte Kreismacher voraus - was sich bei diesen komplizierten Strukturen von selbst versteht - die eingespielt sind, bereits vor der praktischen Umsetzung ihres theoretischen Konzeptes genau wissen, was jeder einzelne ganz konkret zu tun hat und in der Lage sind, diese Vorgabe diszipliniert ins Feld einzubringen, dann ist die Herstellung der Formation letztlich eine Frage des Werkzeugs und der körperlichen Kondition. Immerhin bestand das "Julia-Set" aus 151 Kreisen, die "Dreiarmige Spirale" aus über 196. - Kein Pappenstiel also, selbst für geübte Kreismacher.

Arbeitserleichternd und ein unbedingtes Muß für Formationen dieses Ausmaßes ist gutes Werkzeug. So wurde zur Umlegung des Korns sicherlich ein "Gardenroller" verwendet, ein typisch englisches Walzenwerkzeug unterschiedlicher Qualität zum Herstellen des berühmten englischen Rasens, das seit den Tagen eines Jim Schnabel (1992 und 93) für das Machen von Kreisen zweckentfremdet wurde und das Handwerk der Fälschergruppen offensichtlich revolutionierte. Denn je nach Schwere der Walze lassen sich die Getreidehalme mittels Gardenroller dauerhaft und zudem ohne größere Beschädigungen durch einfaches Darüberrollen niederlegen. Das erbringt gegenüber anderen Methoden, wie dem Niederdrücken durch Bretter und dgl., eine enorme Zeitersparnis und einen ästhetischen Gewinn.

Prüft man die einschlägige Literatur oder befragt Fälscher, so ergibt sich, daß mit Hilfe von Gardenrollers Kreise von 5-10m Durchmesser in weniger als 10 Minuten hergestellt werden können, einige Übung vorausgesetzt.

Die etwa 15 größten Kreise des "Julia-Sets" lassen sich demnach bei zügigem Arbeitstempo und Vorgabe des äußeren Randes also in etwa 10 Minuten erstellen. Dies bedeutet für das "Julia-Set" allerdings immer noch einen zeitlichen Aufwand von ca. 2 1/2 Stunden/Person. Für die "Dreiarmige Spirale" ergeben sich etwa 20 Kreise von 5-10m Durchmesser, mit einem entsprechenden Arbeitsaufwand von etwa 3 Stunden/Person.

Geht man von 4 nächtlichen Akteuren aus, was die arbeitstechnisch effizienteste Anzahl von Personen bei solch komplizierten Formationen zu sein scheint, dann kann man sich folgende Arbeitsaufteilung vorstellen:

Der Mittelkreis sowohl bei "Julia-Set" als auch "Dreiarmiger Spirale" wird zuerst erstellt und vermutlich der Übersicht halber gleich komplett niedergewalzt. 2 Personen erstellen die Spiralhilfslinien. D.h. eine Person steht in der Mitte und führt die Person, die die Linie "trampelt", wahrscheinlich mit Hilfe eines Seiles. Während die Hilfslinie noch entsteht, beginnen 2 Personen bereits mit dem Herstellen der ersten Kreise, die perlenschnurartig entlang der Hilfslinie aneinandergereiht werden. Beim "Julia-Set" wurden vermutlich die ersten 10 Kreise, von innen aus gerechnet, ebenfalls gleich vollständig niedergelegt. Erst ab dem 11. Kreis markierte man vermutlich zunächst lediglich die Kreisränder und legte sie später nieder. Ab dem Moment, wo die Kreisränder markiert sind, lassen sich alle kleineren Kreise an die Ränder der großen Kreise "anhängen". Diese kleineren Kreise entstanden entweder mit einem speziell für diesen Zweck konstruierten Werkzeug oder wurden "frei Hand" mit einigen Gardenrollerumläufen gedreht. Betrachtet man die Formation genau und nüchtern, so erkennt man, daß alle Kreise nicht besonders exakt, also wohl recht schnell gemacht wurden, was der Gesamtkomposition allerdings keinen Abbruch tut. Für die Herstellung der "Dreiarmigen Spirale" gilt entsprechendes. Vermutlich wurde zumindest hier mit 2 Gardenrollern gearbeitet.

Legt man 4 Personen zugrunde und 48 ("Julia-Set) bzw. 54 ("Dreiarmige Spirale") Kreise über 2m Durchmesser, dann kommen etwa 13 Kreise auf jeden Akteur. Setzt man pro Kreis eine Fertigstellungszeit von 10 Minuten an, was in diesem Fall gut gerechnet ist, denn auf jede Person kommen nur etwa 4 Kreise mit einem Durchmesser über 3m, dann ergibt sich pro Person in etwa eine Arbeitszeit von 2,5 Stunden. Zusammen mit den ganz kleinen Kreisen ist das, wie eingangs bereits enwähnt, körperliche Knochenarbeit und man muß sich ernsthaft fragen, wer bereit ist, solche Strapazen in Kauf zu nehmen, selbst wenn man von Pausen und einem langsameren Arbeitstakt ausgeht.

Auch wenn die nächtlichen Akteure gemächlicher arbeiteten und 5 oder 6 Stunden brauchten, um die jeweilige Formation zu erstellen, was kann sie bewogen haben, sich solchen Unannehmlichkeiten auszusetzen? Reichen Lust, andere hinters Licht zu führen oder Stolz auf die eigene unglaubliche - und ungeglaubte - Leistung und die eigentlichen Urheber des Phänomens zu sein, als Motivation und allumfassende Erklärung aus? Oder ist dieser Erklärungsansatz in Wirklichkeit noch unwahrscheinlicher, als außer- oder unirdische Kräfte dafür verantwortlich zu machen?

Doch die Frage nach der Motivation ist nicht der einzige ungeklärte Fragenkomplex. Speziell in Zusammenhang mit den Formationen "Julia-Set" und "Dreiarmiger Spirale" wissen wir noch immer nicht genau, wie menschliche Akteure die Spiralarme geschaffen haben können. Wurde vom innersten Kreis kontinuierlich Schnur zugegeben, was in der Praxis schwer umzusetzen ist, wurde mit einem Theodoliten gearbeitet, oder welcher anderen pragmatischen Hilfsmittel hat man sich bedient?

Weniger problematisch hingegen sind immer wieder gestellte Fragen zu den nächtlichen Lichtverhältnissen und der Kommunikation. Aus eigener Erfahrung hat sicher der eine oder andere unter uns schon festgestellt, wie gut man in einer Sternennacht sehen kann, haben sich die Augen erst einmal an die nächtlichen Lichtverhältnisse gewöhnt. Der häufige Gebrauch von Taschenlampen schadet dabei eher, als zur Verbesserung der Sichtverhältnisse beizutragen.

Auch bei einer Wolkendecke ist die Reflexion meist noch gut genug, daß das Licht für die Hoaxer ausreicht auf weitere Entfernung aber die Dunkelheit jede Sicht schluckt und vor Gesehenwerden schützt. Von Jim Schnabel wissen wir, daß Vollmond- oder auch schon Halbmondnächte für nächtliche Feldaktivitäten bereits zu hell sind. Er arbeitete bevorzugt bei Regen oder Nebel.

Auch die Akustik reicht völlig aus, sich ab und an zu verständigen. Gute Planung und Vorabsprachen vorausgesetzt, ist mehr scheinbar auch nicht nötig.

Natürlich gibt es Nachtsichtgeräte und nächtliche "Hoaxerjäger" oder UFO-Sucher, die den Hoaxern gefährlich werden können. Deswegen werden einschlägig bekannte Felder, wie das berühmte East Field bei Alton Barnes in Wiltshire auch seit einigen Jahren gemieden, oder nur mit kleinen Kreisen bedacht. Aber Englands Feldlandschaft ist groß, und es finden sich selbst in den bekannten Kornkreisecken noch immer genügend unbekannte Felder, wo kein "Cropwatcher" nächtens steht.

Außerdem lassen sich besonders die Gläubigen unter den KK-Begeisterten durch gezielte Falschinformation gut manipulieren und in ein bestimmtes Gebiet dirigieren, während die Hoaxer dann in einer anderen Ecke den Rücken frei haben.

Man muß auch davon ausgehen, daß die Fälscher ihr jeweiliges Feld bereits bei Tag gut ausspioniert haben und genau wissen, wie sie mit dem geringsten Arbeits- und Zeitaufwand und der größtmöglichen Vorsicht nachts zu Werke gehen. Und Regen, Nebel oder Kälte sind gute Helfer beim nächtlichen Treiben.

Ein letztes Wort zu den Hilfsmitteln der Fälscher:

Soweit bekannt ist, bestehen sie aus ganz simplem mechanischem Werkzeug, wie Seilen mit Knotenmarkierungen, Holzkreuzen, mit deren Hilfe man 90° und 180° Winkel anpeilen kann, leuchtstarken kleinen Taschenlampen oder Kunststoffrohrabschnitten, wie in jedem Baumarkt zu finden, durch die man ein Seil zieht und auf diese Weise ein Werkzeug zum Niederdrücken von Getreide erhält. Das ausgefeilteste Werkzeug dürfte der enwähnte Gardenroller sein, der zwar schwer ist, aber effiziente Arbeit zu leisten scheint.

Soweit der Versuch, einige häufig gestellte Fragen zum Herstellen von Kornkreisen durch irdische Kornkreismacher zu beantworten. Das Erforschen der "dunklen Seite" des KK-Phänomens steckt noch in den Kinderschuhen und birgt neben Erkenntnissen, wie Fälscher zu Werke gehen, auch genügend spannende und interessante Aspekte, die unter Umständen sogar ein FGK-Projekt rechtfertigen würden. Auf keinen Fall sollten Personen, die sich mit obigen Fragestellungen beschäftigen, mit den Fälschern in einen Topf gesteckt oder anderweitig verunglimpft werden.


Wer Interesse auch an diesem Aspekt der KK-Forschung hat, möge sich bitte beim FGK-Sekretariat melden.



Erstveröffentlichung im FGK-Report # 1/97


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